Unser Nachbardorf Koritten und ein Sonntag am Kalkofen

Październik 9, 2016 Marcin

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Klimaty Łagowskie

10 października 2016

Unser Nachbardorf Koritten und ein Sonntag am Kalkofen

Aus Sternberger Kurier 9/64 (Schriftleitung)

Es war Sommerzeit, ein Sonnabendnachmittag vor dem letzten Kriege in Sternberg, meiner Heimatstadt. Wenn sonst alles in Ordnung war, ging ich in meinen Garten, um die jungen Obstbäume, die Beerensträucher, Tomaten usw. zu besichtigen und zu pflegen. An der Gartengrenze lag der Schulgarten, und oft stand ich hier mit dem Lehrer Unverdruß, wenn er seine Beete besorgte, und wir tausch-ten dann unsere Gedanken aus.

Mein Blick ging hinüber zum nahen Friedhof, an Karl Sümanns Scheune tauchte plötzlich unser Freund Franz Witzke auf. Die Hände auf dem Rücken, kam er gemütlich dahergeschlendert, so wie man halt einen Feierabend genießt. Erst meckerte er eine Weile in meinem Garten herum, überall hatte er etwas auszusetzen, um dann zu fragen, was ich morgen, Sonntag, vorhätte. Nichts hatte ich vor. Dann sollte ich mitkommen, er möchte bei diesem schönen Sommerwetter zu Gerlachs nach dem Kalkofen fahren, um zu angeln und einen schönen Sonntag am Malz – See zu verleben. Wer hätte dazu keine Lust gehabt? Und so verabredeten wir, rechtzeitig loszuradeln. Dann gingen wir gemeinsam den Weg zurück, durch den grünenden und blühenden Huhnhof. Vom nahen Kirchturm läuteten die Glocken den Sonntag ein. Es war eine wunderbare Ruhe und stiller Frieden ringsum, nur hin und wieder unterbrochen durch das Dengeln einer Sense, das auch wie Feierabendmusik klang.

Am Sonntagmorgen radelten wir frühzeitig los, die Korit- tener Straße entlang; doch waren wir nicht die einzigen Frühaufsteher. Bei Wilhelm Kutscher, auf der Höhe der Quarkinsel, begegneten wir Otto Görlitz, den Büchsen-machermeister; er kam von der Jagd und hatte, wie immer, ein Scherzwort und Späßchen bereit. Einst hatte er es fertiggebracht, den aus Koritten stammenden Hugo Ulbrich, welcher in Sternberg mal eine kurze Gastrolle als Handelsmann gegeben hatte, im wahrsten Sinne des Wortes die Katze im Sack zu verkaufen. Als diese Geschichte Max Vogt bekanntwurde und sie auch noch im Lokalanzeiger erschien, hatte Otto Görlitz die Lacher auf seiner Seite. Von unserem leider zu früh verstorbenen Otto Görlitz werden später noch einige nette Geschichten zu berichten sein.

Mit Waidmanns- und Petriheil trennten wir uns, radelten weiter an diesem herrlichen Sonntagmorgen und kamen am Kreuzlauch und dem Chausseehaus vorbei. Hinter dem Wäldchen am Chausseehaus begann die Gemarkung der Gemeinde Koritten, dessen Windmühle und Kirchturm uns von weitem grüßten. Links und rechts der Straße sahen wir gut bestellte, fruchtbare Felder; man konnte sehen, daß sie mit Fleiß und Liebe bestellt und bearbeitet wurden.

Dann fuhren wir in Koritten ein und fanden, daß die ersten Häuser rechts keinen guten Eindruck machten, ein paar Meter weiter aber änderte sich das Bild. Da war rechts das Henschkesche, später Rosenbergsche Grundstück, ein sauberes Wohnhaus mit großem Garten vorn an der Straße, eine knallbunte Blumenpracht; man konnte seine Freude daran haben. Zu einem Frühschoppen bei Freund Henkelmann war es noch zu zeitig, so radelten wir weiter durch das erwachende Dorf. Links, vom nahen Dorfteich, erklingt das Geschnatter der Gänse und Enten, beiderseits der Straße liegen die Höfe des Amtmannes Theel und der Bauern König, Münchberg, Witzke, Mauske, Kretschmann, Ulbrich, Troschack, Windmüller, Hoffmann, Richter, Miem, Schmiedemeister Gerlach, Lorenz, Knospe usw. Heute denke ich an den früheren langjährigen Kantor Mehley mit seiner sympa-thischen und sonoren Baßstimme; der letzte, mir gut bekannte Lehrer Sparmann kehrte aus dem Kriege nicht mehr heim. Zwei Männer aber aus unserem Nachbardorf Koritten muß ich hier erwähnen, die uns Sternbergern unvergeßlich sind, die Schuhmachermeister Gebrüder Kalz, die beide in Sternberg selbständig waren. Man sah sie immer zusammen, sei es bei der Arbeit, oder wenn sie beide nach Frankfurt fuhren, ihr Leder einzukaufen, oder sie gingen am Sonnabendabend zu ihrem Stammtisch, um einen gemütlichen Schafskopf zu spielen. Eines Tages aber fingen beide an zu angeln, des Sonntags hinten auf dem kleinen ungefährlichen „Rasensee“, aus dem unsere Eilang entspringt. Beide betrieben den Angelsport erst vom Ufer aus, später dann vom Kahn. Dabei fielen sie dann beide in den See, und da sie nicht schwimmen konnten, mußten sie elendig ertrinken. Als wir die beiden unzertrennlichen Brüder beerdigten, schossen wir ihnen als letzten Gruß dreimal über die Gruft. Unser Kamerad „Schutzmann-Witzkes Karl“ sprach ihnen bewegt die Abschiedsworte und dann deckte ein großer Berg von Blumen und Kränzen beide zu.

Als unsere Heimatzeitung im Entstehen war, zeigte mir eines Tages in Lüneburg deren Herausgeber, Landsmann Ohm, einen Brief, dessen Absender eine mir unbekannte junge Frau aus Koritten war. Sie schilderte die grauenhaften Tage vom Januar/Februar 1945 in Koritten, die sie miterlebte. Dieser Brief war so erschütternd und grausig, daß wir uns nicht entschließen konnten, ihn zu beantworten oder gar die furchtbaren Geschehnisse, denen unsere Landsleute dort zum Opfer fielen, zu veröffentlichen; so wurde mit Koritten ein blühendes Dorf voller fleißiger und froher Menschen in unvorstellbarer Grausamkeit vernichtet.

Einige hundert Meter links hinter Koritten biegen wir von der Straße ab, fahren wieder durch Roggen-, Hafer-, Kartoffel- und Rübenfelder, bis wir in den Wald kommen. Er ist Staatsforst, wundervoller Kiefern- und Mischwald, der uns so recht den Charakter unserer schönen Heimat-landschaft zeigt. An einer uralten Kiefer ein kleines weißes Schild mit Richtungspfeil „Kalkofen“, und schon fahren wir auf den Hof des Fischermeisters, Land- und Gastwirts Gerlach ein. Die Ruhe und Stille des Hofes wird nun unterbrochen durch Franzens „große Klappe“, der jetzt mit dem Wirt ein großes Palaver abhält. – In der kühlen Gaststube stärken wir uns dann, versorgten uns mit dem erforderlichen Angelgerät und fuhren dann hinaus auf den herrlichen Malzsee, rings umgeben von dunklem Wald. Es ist feierlich still auf dem See, niemand spricht ein Wort. Als ich lauthals anfangen wollte zu singen, wurde ich sofort zur Ruhe gewiesen. „Beim Angeln wird nicht gesungen“, meinte Franz. An diesen schönen Sonnensonntag muß ich oft denken. Wir angelten, badeten, ließen uns von der Sonne bescheinen, beobachteten die Wildenten und die Taucherfamilien und sahen den zahlreichen Vögeln zu. Zum Mittagessen haben wir eine gute Portion Schleie verzehrt: es war eine wahre Lust. Wie immer natürlich, hat Franz viel mit mir geschimpft, nie im Leben würde ich ein richtiger Angler werden, meinte er. Aber, das war so seine Art, doch in der rauhen Schale steckte ein guter Kern.

Erst als die Sonne im Westen versank, nahmen wir Abschied vom Kalkofen und seinen gastfreundlichen Bewohnern, kehrten dann noch bei unserem Freund Henkelmann in Koritten ein, wo wir die jüngere Genera-tion des Dorfes antrafen, die sich beim Glase Bier von der schweren Landarbeit der vergangenen Woche erholt; mit den meisten gut bekannt, fühlen wir uns hier sehr wohl.

Heute, nachdem uns bald 20 Jahre von der Heimat trennen, wollen wir wünschen und hoffen, daß uns ein gutes Schicksal doch noch einmal heimführt, daß wir noch einmal zum Kalkofen radeln können und noch einmal, wie in guten alten Zeiten, im Dorfkrug von Koritten einkehren können.

Autorzy zdjęć do 1945 NN. Zdjęcia w posiadaniu: Stefan Wiernowolski (Sulęcin, archiwum prywatne, sztuk 2), OHB Nr. 2/1999r. ze zbiorów RB. (okładka, sztuk 1)
Ellen Heinsen geb. Kulicke

Źródło:


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